Ein Kommentar von Franz Bergmüller, Metzgermeister, Immobilienunternehmer und bayerischer Landtagsabgeordneter aus Rosenheim:
Der Kreml hat kürzlich die Zwangsverwaltung der russischen Geschäftstätigkeiten des Schweizer Nestlé-Konzerns bekanntgegeben. Konkret bedeutet dies, dass alle Standorte des Unternehmens zukünftig unter Fremdverwaltung durch russische Behörden stehen. Nestlé erwirtschaftet derzeit rund zwei Prozent des Konzernumsatzes im Land. Der Wert des Russlandgeschäfts wird auf rund 1,9 Mrd. Euro geschätzt. Wie es nun bei Nestlé weitergeht, ist derzeit noch nicht absehbar. Ein Blick auf ähnliche Fälle lässt jedoch nichts Gutes erahnen. So verlor Danone im Jahr 2023 unter russischer Fremdverwaltung die Kontrolle über die eigene Geschäftstätigkeit und verkaufte das Unternehmen ein Jahr später für rund 180 Millionen Euro. Dabei musste der Konzern einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro abschreiben. Auch die dänische Carlsberg-Brauerei veräußerte ihr Russlandgeschäft nach einem staatlichen Eingriff Ende 2024 für nur 320 Millionen Dollar. Heineken gab sein russisches Tochterunternehmen sogar für den symbolischen Preis von einem Euro ab und musste in der Folge einen Verlust von 300 Millionen Euro verbuchen. Der große Nestlé-Konkurrent Unilever hatte hingegen bereits 2024 die Notbremse gezogen und seine russischen Standorte für rund 500 Millionen Euro verkauft.
Studien zufolge hatten sich nach dem Beginn des Ukrainekriegs nur 34 Prozent der westlichen Unternehmen aus Russland zurückgezogen. Viele Großkonzerne wie McDonalds oder Starbucks blieben unter anderem Namen im Land aktiv. Schätzungen zufolge sind derzeit auch noch etwa 2000 bis 2500 deutsche Firmen in Russland tätig. Nach Angaben der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer halten rund 90 Prozent der Firmen aus Deutschland, darunter Bayer, Beiersdorf und Knauf, bis heute an ihren russischen Geschäftsbeziehungen fest. Dieses Engagement birgt jedoch erhebliche Risiken, wie nun die Zwangsverwaltung von Nestlé durch die russische Regierung zeigt. Es stellt sich die Frage nach den Motiven der russischen Behörden. Hierbei dürften zwei wesentliche Faktoren eine entscheidende Rolle spielen: Einerseits befindet sich Russland längst mitten in einer staatlich gelenkten Kriegswirtschaft, der Anteil der Rüstungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt wird mittlerweile auf zehn Prozent geschätzt. Die Verstaatlichung von Unternehmen ist hier also nur eine logische Folge, wenn man von einer weiteren Eskalation ausgeht. Ein weiterer Aspekt dürfte jedoch auch schlichtweg die Vergeltung für westliche Sanktionen gegen eigene Vermögenswerte im Ausland sein. So haben USA und EU insgesamt rund 300 Milliarden Euro russisches Zentralbankvermögen eingefroren. Zusätzlich wurden zahlreiche russische Unternehmen direkt sanktioniert, darunter der gesamte Gazprom-Konzern. Dessen Aktien sind heute im Westen praktisch nicht mehr handelbar und damit wertlos geworden. Weit schwerer wiegt jedoch der EU-weite Ausstieg aus russischen Öl- und Gaslieferungen. Gazprom meldete allein 2023 einen Verlust von rund sieben Milliarden US-Dollar, wobei der Wegfall der Exporte nach Europa die Hauptursache sein dürfte. Kurz gesagt: Die westlichen Sanktionen haben der russischen Wirtschaft ohne Zweifel geschadet. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass insbesondere Deutschland den Preis dafür zahlen darf. Unsere volkswirtschaftlichen Verluste durch Russlandsanktionen und den „freiwilligen“ Verzicht auf russische Energielieferungen werden mittlerweile auf mehrere hundert Milliarden Euro geschätzt. Hinzu kommen rund 100 Milliarden Euro zivile sowie militärische Unterstützungsleistungen an die Ukraine. Obwohl Deutschland formal gesehen keine Konfliktpartei ist, tragen wir mittlerweile einen erheblichen Teil der finanziellen Verluste des Konflikts. Wenn all diese erheblichen Nachteile nun wenigstens zur Beendigung des Konflikts beitragen würden, könnte man hierin wenigstens einen Sinn sehen. Fakt ist jedoch, dass der Ukrainekrieg heute mehr denn je eskaliert und Deutschland in Russland mittlerweile als Feindstaat und Konfliktpartei gesehen wird. Statt die eigene Verhandlungsposition durch Wirtschaftsbeziehungen und Interessenausgleich zu stärken, hat man sich diplomatisch ins Abseits befördert und noch dazu der eigenen Wirtschaft irreparablen Schaden zugefügt. Dabei sollten die Befürworter dieser irrationalen Politik eines nicht vergessen: Der Krieg wurde bislang weder mit Sanktionen noch Waffenlieferungen auch nur um einen einzigen Tag verkürzt – ganz im Gegenteil. Wer trotzdem ein außenpolitisches „weiter so“ fordert, riskiert am Ende die totale Eskalation. Ein Blick in die deutsche Geschichte zeigt, wo so eine Entwicklung am Ende hinführt. Oder, um es mit den Worten von Willy Brandt zu sagen: „Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.“