Ein Kommentar von Franz Bergmüller, Metzgermeister, Immobilienunternehmer und bayerischer Landtagsabgeordneter aus Rosenheim:
Europa steht wirtschaftlich und industriepolitisch an einem Scheidepunkt. Steigende Energiepreise, geopolitische Spannungen und die wachsende Abhängigkeit von China setzen die heimische Wirtschaft zunehmend unter Druck. Längst ist diese Entwicklung auch in Deutschland angekommen, wie ein Blick auf die Außenhandelsbilanz zeigt: Während Deutschland immer weniger nach China exportiert, steigen die Importe ungebremst weiter. Chinesische Einfuhren haben den Wert der dorthin exportierten Waren im Jahr 2025 um 90 Milliarden Euro übertroffen – Tendenz steigend. Das Handelsbilanzdefizit mit China hat damit einen neuen Rekordwert erreicht. Dieses ernste Warnsignal für die schwindende Attraktivität deutscher Industrieprodukte darf nicht länger ignoriert werden. Was sind aber die Ursachen für die abnehmende Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands? Die Energiefrage bildet dabei den Kern der Debatte. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Preise, sondern auch um die Verfügbarkeit an sich. Sowohl Strom, aber insbesondere Öl und Gas sind mittlerweile in Europa knappe Güter, die teilweise bereits rationiert werden müssen. Die Krisen rund um den Nahen Osten haben die Nervosität an den Märkten erhöht und belasten durch höhere Öl- und Gaspreise die Industrieproduktion in Europa weiter. Besonders energieintensive Branchen geraten dadurch unter Druck, weil steigende Kosten Investitionen erschweren und Produktionsstandorte im internationalen Vergleich unattraktiver machen. Aber auch vor den jüngsten Konflikten war bezahlbare Energie bereits Mangelware in der EU und insbesondere in Deutschland. Energiewende, Atomausstieg und der Verzicht auf russische Energielieferungen haben nicht nur die Preise erhöht, sondern Energie erstmals auch physisch verknappt. Unsere Industrie hat diese Entwicklung nicht zu verantworten, aber sie muss nun die Konsequenzen tragen. Vor diesem Hintergrund wirft die aktuelle China-Politik der Bundesregierung zahlreiche Fragen auf. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche warb bei ihrem Besuch in Guangzhou für mehr wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit mit Peking. Ihr Kurs soll signalisieren, dass Deutschland trotz aller Spannungen auf Austausch, Investitionen und verlässliche Beziehungen setzt, um die Interessen der exportorientierten Wirtschaft zu sichern. Aus Sicht der deutschen Industrie ist dies durchaus sinnvoll, weil unsere wettbewerbsfähigsten Fabriken heute in China stehen. Genau hier zeigt sich jedoch das Dilemma Europas: Einerseits will sich der Kontinent von Abhängigkeiten lösen, andererseits ist die Industrie in vielen Bereichen tief in chinesische Lieferketten eingebunden. Für Autobauer, Zulieferer und andere Industriezweige wird diese Verflechtung zunehmend zum Risiko, weil alternative Bezugsquellen fehlen, Energie in Europa zu teuer bleibt und die Wettbewerbsbedingungen schwächer sind als in anderen Weltregionen. Man muss also aufpassen, dass mehr Kooperation nicht zu noch mehr Abhängigkeit führt. Sinnvoller wäre es, die Standortbedingungen in Europa zu verbessern, aber davon ist bis heute nichts zu spüren. Die EU reagiert bislang eher hilflos und versucht es nun mit einer härteren Gangart gegenüber chinesischen Anbietern. Die zuletzt angekündigte Strafe in Höhe von 200 Millionen Euro gegen den Onlineriesen Temu wurde zwar mit Verbraucherschutz und Sicherheitsbedenken begründet, stellt jedoch auch einen weiteren Eskalationsschritt im schwelenden Handelskonflikt dar. Der Fall steht exemplarisch für den Versuch, wirtschaftliche Offenheit mit strengeren Regeln zu verbinden. Ähnliches war im vergangenen Jahr bei den Strafzöllen gegen chinesische Elektrofahrzeuge zu beobachten, doch all diese Bemühungen ändern nichts an der wirtschaftlichen Schieflage in Europa. Am Ende verdichten sich all diese Entwicklungen zu einer zentralen Frage: Kann Europa seine Industrie mit hohen Energiepreisen, globalen Konflikten und wachsender Konkurrenz aus China noch am Leben erhalten? Das aktuell wahrscheinlichste Szenario für die deutsche Industrie lautet: Sie wird überleben, aber -wenn es so weitergeht- womöglich nur mit ihren Standorten im fernen Ausland.