Ein Kommentar von Franz Bergmüller, Metzgermeister, Immobilienunternehmer und bayerischer Landtagsabgeordneter aus Rosenheim:

Taiwan bleibt ein Brennpunkt der internationalen Politik. Kaum eine Region bündelt strategische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen so konzentriert wie die kleine Insel im westlichen Pazifik. Obwohl nur halb so groß wie Bayern, leben in Taiwan rund 23 Millionen Menschen. Die politische Bedeutung der Insel ergibt sich nicht nur aus der geographischen Lage, sondern auch aus ihrer Schlüsselrolle in der globalen Halbleiterproduktion, die für nahezu alle modernen Technologien unverzichtbar ist. Taiwan hat sich hier in den vergangenen Jahrzehnten zu einer äußerst leistungsfähigen Volkswirtschaft entwickelt, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist mittlerweile drei Mal höher als in der Volksrepublik China. Für China ist Taiwan jedoch vor allem ein Kernpunkt nationaler Identität und territorialer Ansprüche. Die Regierung in Peking betrachtet die Insel als abtrünnige Provinz und strebt eine „Wiedervereinigung“ an. Darin äußert sich ein langfristiger Machtanspruch im asiatisch-pazifischen Raum. Die USA hingegen sehen Taiwan als demokratischen Partner und Bestandteil ihres Sicherheitsnetzwerks zur Begrenzung chinesischen Einflusses. Die Region steht damit im Spannungsfeld zweier weltpolitischer Strategien. In den vergangenen Jahren dominierte der Konflikt durch militärische Drohgebärden. Flugmanöver und Seeblockadeübungen verdeutlichten Pekings Bereitschaft, Druck auszuüben. Die Mehrheit der Bevölkerung in Taiwan reagierte darauf mit dem Wunsch nach Stabilität: Rund vier Fünftel lehnen sowohl eine formale Unabhängigkeit als auch eine Vereinigung ab, bevorzugen also den gegenwärtigen Status als selbstverwaltete Demokratie.

Jüngste Entwicklungen deuten nun auf eine taktische Neuausrichtung Chinas hin. Das Treffen zwischen Staatschef Xi Jinping und der taiwanischen Oppositionsführerin Cheng Li-wun markiert einen Übergang von offener Drohung zu diplomatischer Annäherung. Peking versucht zunehmend, durch politische Kontakte Einfluss zu gewinnen, anstatt allein auf militärische Präsenz zu setzen. Diese Strategie folgt dem internationalen Stimmungswandel: Offene Grenzverschiebungen und militärische Aktionen stoßen infolge der jüngsten Konflikte weltweit auf immer mehr Ablehnung, China will sich daher in der Taiwanfrage als verlässlicher und gesprächsbereiter Partner inszenieren – eine erstaunliche geopolitische Wendung. Die chinesische Regierung profitiert dabei von der allgemeinen Abkehr des globalen Südens vom US-geführten Westen, der durch die jüngsten Entwicklungen in Venezuela und Iran sogar noch beschleunigt wird. Mit den BRICS-Staaten hat sich dabei längst ein eigener Machtblock gebildet, mit der „Anti-NATO“ SCO (Shanghai Cooperation Organization) wurde außerdem ein eurasisches Militärbündnis ins Leben gerufen, das über die Hälfte der Weltbevölkerung und die Mehrheit der muslimischen Staaten umfasst. Ohne einen einzigen Schuss abzufeuern, hat China also seinen globalen Einfluss massiv ausgeweitet. Es erscheint durchaus möglich, dass man nun auch in Taiwan ähnlich vorgehen will: Einfluss durch wirtschaftliche und sicherheitspolitische Abhängigkeit, statt militärische Aktionen mit unberechenbarem Ausgang. 

Die Taiwanfrage steht damit sinnbildlich für die aktuelle Weltlage. Sie zeigt, wie eng wirtschaftliche Verflechtungen, sicherheitspolitische Rivalität und nationale Identität miteinander verbunden sind. Der Umgang der Großmächte mit Taiwan wird eine der zentralen Fragen bleiben, an der sich künftige Machtverhältnisse im Pazifik und darüber hinaus ablesen lassen. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieser Machtkampf anders als in Ukraine, Iran oder Venezuela ohne Einsatz von militärischer Gewalt ausgefochten wird.

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