Ein Kommentar von Franz Bergmüller, Metzgermeister, Immobilienunternehmer und bayerischer Landtagsabgeordneter aus Rosenheim:

Die EU-Kommission will sich seit Beginn des Ukrainekriegs von russischer Energie unabhängig machen, doch die Realität sieht anders aus: Trotz politischer Ausstiegspläne nehmen europäische Staaten weiterhin den Großteil der Yamal-LNG-Produktion ab. Im ersten Quartal 2026 gingen laut Berichten rund 97 Prozent der verschifften LNG-Lieferungen aus Russland nach Europa; gleichzeitig stiegen die Lieferungen aus dem Yamal-Projekt um 17 Prozent auf etwa fünf Millionen Tonnen. Die Entwicklung zeigt, dass der von der EU-Kommission angekündigte Ausstieg aus russischen Energielieferungen nicht nur kurzsichtig, sondern auch unrealistisch war. Dieser Widerspruch wird besonders deutlich, wenn man den zeitlichen Ablauf der EU-Entscheidungen betrachtet. Das Europäische Parlament hatte Ende 2025 beschlossen, dass die EU spätestens zum 1. November 2027 kein Gas mehr aus Russland importieren soll; für LNG soll der Ausstieg sogar schon ab 1. Januar 2027 greifen. Dennoch wird weiter eingekauft, weil kurzfristig verfügbare Alternativen fehlen, Lieferketten eingespielt sind und LNG auf dem Weltmarkt nicht beliebig austauschbar ist. Hinzu kommt die geopolitische Lage. Die Nahost-Krise treibt Öl- und Gaspreise nach oben und verschärft die Unsicherheit auf den Energiemärkten. Für Russland eine günstige Gelegenheit, um sich als zuverlässiger Anbieter erneut ins Spiel zu bringen und europäischen Staaten wieder Lieferungen anzubieten — vor allem jenen Ländern, die ohnehin stärker auf russische Energie angewiesen bleiben. Dadurch wird Russland für Europa nicht automatisch zum einzigen, aber erneut zu einem schwer ersetzbaren Gaslieferanten. Gerade deshalb erscheint eine vollständige Entkopplung von russischem Flüssiggas bis 2027 fraglich. Ein politischer Stichtag schafft noch keine realen Ersatzkapazitäten, keine neuen Terminals über Nacht und erst recht keine günstigeren Lieferverträge. Die eigentliche Erkenntnis daraus lautet: Energiepolitik darf nicht nur vermeintlichen moralischen Ansprüchen folgen, sondern sie muss auch die Realität abbilden. Vor allem muss sie die Volkswirtschaft als Ganzes im Blick behalten. Noch immer bestehen erhebliche Preisunterschiede zwischen Flüssiggas aus Russland und den USA. Die erheblichen Differenzen entstehen vor allem durch die Liefer- und Verflüssigungskosten. US-LNG muss in den USA erst verflüssigt, über den Atlantik verschifft und in Europa wieder regasifiziert werden; russisches LNG ist für europäische Käufer oft günstiger, weil die Lieferwege kürzer sind und teilweise bestehende Handelsstrukturen genutzt werden können. Der Unterschied ist also nicht nur eine Frage der Weltmarktpreise, sondern auch von Logistik und vorhandenen Kapazitäten. LNG ist dabei grundsätzlich teurer als Pipeline-Gas, weil Verflüssigung, Tankertransport und Rückvergasung zusätzliche Kosten verursachen. Russisches Pipeline-Gas wäre deshalb noch einmal deutlich günstiger als russisches LNG, doch dies scheint man weder in Brüssel noch in Berlin gerne zu hören. Nach den jüngsten Zahlen lag der Importpreis für US-LNG in Europa im ersten Quartal 2025 bei rund 1,08 Euro pro Kubikmeter, russisches Flüssiggas dagegen bei etwa 0,51 Euro pro Kubikmeter. Gas aus den USA kostete die Verbraucher in Deutschland also im Vergleich zu russischen Energielieferungen teilweise das Doppelte. Es stellt sich die Frage, wie lange eine Volkswirtschaft einen derart heftigen Wettbewerbsnachteil aushalten kann. Die zuletzt massiv beschleunigte Deindustrialisierung liefert hierauf mit einiger Sicherheit eine vernichtende Antwort. Sicher scheint in diesen Zeiten nur eines: Wenn Deutschland nicht bald wieder vernünftig regiert wird, gibt es in unserer Wirtschaft nicht mehr viel zu retten.

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