Ein Kommentar von Franz Bergmüller, Metzgermeister, Immobilienunternehmer und bayerischer Landtagsabgeordneter aus Rosenheim:
Die Schreckensmeldungen aus der europäischen Automobilindustrie reißen nicht ab. Werksschließungen, Stellenabbau und massive Absatzprobleme bedrohen die industrielle Basis Europas, während chinesische Marken scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch sind. Nachdem sich die USA bislang konsequent gegen Importe aus China abschotten, nimmt der Druck auf Europa immer weiter zu. Von Januar bis Juli entfielen EU-weit bereits neun Prozent der Neuzulassungen auf chinesische Hersteller, während es 2021 noch 0,6 Prozent waren. Ich hatte dazu bereits vor zweieinhalb Jahren in einer Kurzstudie die Vermutung geäußert, dass der Markthochlauf Chinas in Europa in erster Linie die Volumenhersteller im niedrigeren Preissegment treffen wird. Dies zeigen mittlerweile auch die Zahlen, denn der bislang größte Verlierer ist Opel-Mutterkonzern Stellantis. Dessen Marktanteil ist von 21 Prozent im Jahr 2021 auf nun 15 Prozent eingebrochen; die verlorenen Anteile gingen nahezu vollständig an chinesische Marken. Im Premiumsegment scheitert China bislang, hier verteidigen BMW, Audi und Mercedes-Benz souverän ihre Stellung. Der chinesische Frontalangriff auf die Kleinwagen- und Mittelklasse ist jedoch auch so schon schwerwiegend genug. Doch wie geht es nun weiter? China konnte zwar seine Pkw-Ausfuhren im Vergleich zum Vorjahresmonat um rund 80 Prozent steigern, sieht sich nun jedoch mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Überbordende Pkw-Verladeplätze in chinesischen Häfen deuten darauf hin, dass man die Produktion schneller hochgefahren hat, als es die Nachfrage erfordert hätte. Die Ursache für dieses ungesunde Wachstum liegt dabei auf der Hand: Die chinesische Regierung hatte Entwicklung und Bau von Elektrofahrzeugen über rund zehn Jahre massiv subventioniert. Die Hersteller konnten damit in kurzer Zeit Entwicklungsdefizite ausgleichen und selbst mehrjährige Verlustphasen kompensieren. Das Ergebnis sehen wir heute: China flutet den Weltmarkt mit preiswerten und erstaunlich ausgereiften Elektrofahrzeugen – und neuerdings sogar Verbrennern. Doch diese stehen teils Monate lang „auf Halde“, weil die echte Nachfrage fehlt.
Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Chinas Subventionspolitik zu einer marktverzerrenden Überproduktion führt: Auch bei Stahl oder Photovoltaikmodulen hatte das Land seine Kapazitäten in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv ausgebaut und in der Folge den gesamten Weltmarkt aus dem Gleichgewicht gebracht. Die OECD warnte zuletzt, dass chinesische Stahlhersteller im vergangenen Jahr die Rekordmenge von 131 Millionen Tonnen produziert haben; dies ist mehr, als alle EU-Staaten zusammen im gleichen Jahr produzierten. Bei PV-Modulen ist China mit Marktanteilen weit über 80 Prozent längst Weltmarktführer. 60 Prozent dieser Marktanteilsgewinne sind jedoch ausschließlich auf die großzügige Subventionspolitik der chinesischen Regierung zurückzuführen, so eine Analyse der OECD. Chinesische Industriebetriebe erhalten demnach im Durchschnitt rund acht Mal mehr Subventionen, als konkurrierende Unternehmen in anderen Ländern. China ist also weder besonders effizient noch innovativ, die Wettbewerbsvorteile kommen vielmehr durch viel staatliches Geld zustande. Diese politische Lenkung der Industrieproduktion ist jedoch kein ein reines Erfolgsmodell; sie hat auch zu erheblichen Effizienzverlusten geführt, weil Hersteller ihre Überkapazitäten nicht auslasten können. Das volkswirtschaftliche Problem dabei ist leicht erklärt: Je höher die Subventionierung einer Branche ausfällt, desto schneller entfernt sich der Ausbau der Produktion von den tatsächlichen Marktbedingungen. Die Branche wird sozusagen durch billiges Geld zu immer neuen Investitionen verleitet, die allerdings nicht immer der echten Nachfrage des Marktes entsprechen. Ohne Zweifel hat es China damit zwar in mehreren Bereichen zum Marktführer gebracht, doch nun brechen Preise und Nachfrage massiv ein. Bei PV-Modulen hatte der Preisverfall teilweise solche Dimensionen angenommen, dass die Preise im Durchschnitt unter der Gewinnschwelle der chinesischen PV-Hersteller lagen – trotz massiver Subventionen. Wenn sich diese Entwicklung nun auch bei den Autoherstellern wiederholt, könnten die rund 100 chinesischen Marken bald auf wenige dutzend zusammenschrumpfen. China hat ohne Zweifel eine beeindruckende Dominanz auf dem Weltmarkt erreicht – doch auch das Reich der Mitte sollte industriepolitisch lieber auf dem Boden bleiben. Schwache Binnennachfrage, ein harter Preiskampf im Inland und die nachlassende Kaufkraft im Westen – all diese Risiken dürfen auch die Chinesen nicht einfach ignorieren. Fakt ist, dass auch ein Land wie China irgendwann an fiskalische Grenzen stößt. Man würde also gut daran tun, die Automobilindustrie langsam an die echten Marktbedingungen heranzuführen, statt den Sektor weiterhin mit Subventionen künstlich aufzublähen. Den gleichen Rat kann man übrigens auch der EU-Kommission geben, die sich mit Verbrennerverbot und CO2-Zertifikatehandel ebenfalls längst von der Marktwirtschaft verabschiedet hat. Den Preis für diese künstlichen Effizienzverluste zahlt am Ende immer der Bürger; und dieser Preis ist vor allem für Deutschland viel zu hoch.